
Gegengeschlechtliche Hormone: bekannte Wirkungen, Risiken und unsichere Evidenz
In sozialen Netzwerken kursieren Listen mit Nebenwirkungen von Testosteron bei Frauen. Manche Punkte darin sind klinisch bekannt, andere stammen aus Erfahrungsberichten oder aus der Bodybuilding-Literatur. Dieser Beitrag stützt sich stattdessen auf Leitlinien, Kohortenstudien, systematische Übersichten und Evidenzprüfungen von Gesundheitsbehörden. Wie Schweizer Kliniken über diese Risiken aufklären, steht in Teil 2.
- Viele Wirkungen sind bekannt und teils bleibend.
- Zu Langzeitrisiken und Fruchtbarkeit fehlen oft Daten.
- Der psychische Nutzen ist nur schwach belegt.
- Wie vollständig Schweizer Aufklärungsblätter die Risiken nennen, zeigt Teil 2.
Über Hormone entscheiden Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit den Betroffenen, nach vollständiger Aufklärung über Nutzen, Schäden und Unsicherheiten.
Mit gegengeschlechtlichen Hormonen sind Testosteron bei Frauen und Östrogen bei Männern gemeint, bei Männern oft zusammen mit einem Androgenblocker. Die Behandlung ist in der Regel auf Dauer angelegt, und ein Teil der körperlichen Veränderungen ist nicht umkehrbar.
Erwartete Wirkungen
Auch Leitlinien, die hormonelle Behandlungen befürworten, nennen die erwarteten Wirkungen und Risiken, so die Leitlinie der Endocrine Society von 2017 (Hembree et al.). Für Testosteron bei Frauen fasst sie eine klinische Übersicht in The Lancet Diabetes & Endocrinology zusammen (Irwig, 2017).
Testosteron bei Frauen (häufig, teils bleibend):
- Vertiefung der Stimme (in der Regel bleibend)
- Klitorisvergrösserung
- vermehrte Gesichts- und Körperbehaarung
- männliches Haarausfallmuster
- Ausbleiben der Menstruation
- Zunahme der Muskelmasse, Abnahme des Körperfetts
- Akne und fettigere Haut
- erhöhte Libido
- Scheidentrockenheit / Atrophie der Vaginalschleimhaut
- Anstieg von Hämoglobin und Hämatokrit (dickeres Blut)
Östrogen bei Männern (häufig, teils bleibend):
- Brustwachstum
- Abnahme von Muskelmasse, Zunahme von Körperfett
- kleinere Hoden, weniger Spermien, oft Unfruchtbarkeit
- nachlassende Libido und Erektionen
- weichere Haut
Ob und wie stark diese Effekte eintreten, hängt von Dosis, Dauer, Alter und Ausgangspubertät ab. Welche davon sich nach dem Absetzen zurückbilden, wird uneinheitlich dargestellt (siehe Teil 2).
Untersuchte Risiken
Blut und Gefässe. Testosteron steigert die Bildung roter Blutkörperchen. In einer grossen Amsterdamer Nachbeobachtung trat eine Erythrozytose unter Testosteron häufig auf (Madsen et al., Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 2021). Eine niederländische Kohorte in Circulation fand unter Östrogen mehr venöse Thrombosen und ischämische Schlaganfälle (Schlaganfälle durch Minderdurchblutung) als in den Vergleichsgruppen, unter Testosteron mehr Herzinfarkte als bei Referenzfrauen (Nota et al., 2019).
Stoffwechsel. Mehrere Studien berichten unter Testosteron von einem sinkenden HDL-Cholesterin. Die Daten zu Blutdruck, Gewicht und Insulinresistenz sind uneinheitlich. Die Übersicht der Universität York für den Cass Review zog dazu bei Jugendlichen keine belastbaren Schlüsse (Taylor et al., 2024).
Fruchtbarkeit. Das Ausbleiben der Menstruation unter Testosteron und die verminderte Spermienbildung unter Östrogen sind zu erwarten. Ob und wann die Fruchtbarkeit nach dem Absetzen zurückkehrt, ist kaum untersucht. Taylor et al. fanden keine Studie zur Fruchtbarkeit von Frauen, die als Jugendliche Testosteron erhielten. Nach früher Pubertätsblockade kann zudem die Reifung der Keimzellen ausbleiben.
Knochen. Pubertätsblocker bremsen den Knochenaufbau. Ob spätere gegengeschlechtliche Hormone das vollständig ausgleichen, ist unsicher, und Langzeitdaten zu Knochenbrüchen fehlen weitgehend.
Weitere genannte Nebenwirkungen.
- Testosteron bei Frauen (Endocrine Society): Schlafapnoe, Bluthochdruck, starke Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen und zystische Akne. Die Scheidenschleimhaut wird dünner (Atrophie), bei entnommenen Gebärmüttern war auch die Gebärmutterschleimhaut atrophisch. Schwere Leberschäden gelten unter Spritzen und Gel als unwahrscheinlich.
- Östrogen bei Männern: Gallensteine, Leberfunktionsstörungen, Bluthochdruck und erhöhte Triglyzeride. Das Prolaktin (Milchhormon) ist bei bis zu 20 Prozent erhöht, Prolaktinome (Milchhormon-Tumoren der Hypophyse) sind nur als Einzelfälle beschrieben. Hoden und Prostata bilden sich langfristig zurück (Atrophie).
- Pubertätsblocker: Hitzewallungen, Müdigkeit und Stimmungsveränderungen.
- Gestagene (bei Jugendlichen zur Unterdrückung der Menstruation): Kopfschmerzen, Zwischenblutungen, Akne, Hitzewallungen und Müdigkeit.
- Kopfschmerzen unter Testosteron oder Östrogen: Die hier ausgewerteten Übersichten liefern keine Zahlen. Die Informationsblätter aus Basel (Östrogen) und die Zürcher Formulare (Testosteron) nennen sie aber als Nebenwirkung oder Warnzeichen (siehe Teil 2).
- Krebs an Brust, Prostata, Gebärmutter oder Eierstöcken: Es gibt Einzelfallberichte, aber keine belastbaren Langzeitdaten.
Psychische Gesundheit.
- Angst- und Depressionswerte können sich kurzfristig bessern. Taylor et al. sehen dafür Evidenz mittlerer Qualität, die Studien sind aber meist Vorher-Nachher-Vergleiche ohne geeignete Kontrollgruppe.
- Zu Suizidalität, psychosozialer Entwicklung und kognitiver Reifung in der Adoleszenz lässt sich nichts Verlässliches sagen.
- Unter Testosteron werden Stimmungsveränderungen als häufige Nebenwirkung genannt (Jensen et al., 2019, ausgewertet bei Taylor et al.). Das ist nicht dasselbe wie Manie oder Psychose.
- Schwere psychiatrische Reaktionen (Hypomanie, Manie, selten Psychose) sind in der Literatur zu anabolen Steroiden in weit überphysiologischen Dosen beschrieben. Die Endocrine Society warnt vor anhaltend überhöhten Testosteronspiegeln, führt Manie oder Psychose aber nicht als typische Folge der Behandlung im männlichen Referenzbereich.
- Für Demenz als Folge dieser Hormone finden sich in den genannten Quellen keine Belege.
- Das Zürcher Formular von Checkpoint nennt dagegen Depressionen, Suizidgefühle, Angstzustände und Psychosen unter Testosteron ausdrücklich als mögliche Risiken (siehe Teil 2).
Zum Vergleich: natürliche Hormonwerte, PCOS und Doping
Normalbereich. Die Endocrine Society will die Hormonspiegel in den Normbereich des angestrebten Geschlechts bringen. Nach der Pubertät überlappen sich die Testosteronwerte von Frauen und Männern praktisch nicht, wenn man sie mit Massenspektrometrie (LC-MS) misst:
- Gesunde Frauen vor der Menopause: 0 bis 1,7 nmol/L (95-Prozent-Bereich); in jedem Alter unter 2 nmol/L.
- Gesunde Männer: rund 15-mal höher, gepoolt 7,7 bis 29,4 nmol/L (Handelsman, Hirschberg & Bermon, 2018).
- CDC-harmonisierte Referenz (gesunde, nicht adipöse Männer von 19 bis 39 Jahren): 9,2 bis 31,8 nmol/L, entsprechend 264 bis 916 ng/dL (Travison et al., 2017, übernommen von Bhasin et al., 2018).
Immunoassays weichen davon ab, vor allem bei den niedrigen weiblichen Werten. Massgeblich bleibt der Laborbericht. Unter der Behandlung wird der Spiegel bei Frauen also nicht leicht über ihre eigene Norm angehoben, sondern in den männlichen Bereich.
PCOS als Vergleichsfall. Das polyzystische Ovarsyndrom (Syndrom mit vielen kleinen Zysten an den Eierstöcken) gehört zu den häufigen Ursachen erhöhter Testosteronwerte bei Frauen.
- Zeichen hoher Werte: MedlinePlus nennt abnorme Behaarung, Haarausfall am Kopf, Stimmveränderungen, unregelmässige oder ausbleibende Menstruation, Unfruchtbarkeit und Akne. Das deckt sich mit der Liste der erwarteten Wirkungen oben.
- Höhe der Werte: In 16 LC-MS-Studien lag der gepoolte Mittelwert bei Frauen mit PCOS bei etwa 1,7 nmol/L. Die obere 95-Prozent-Grenze liegt um 3,1 nmol/L; selbst eine sehr konservative Obergrenze bleibt unter 5 nmol/L (Handelsman et al., 2018). Das ist leicht über dem weiblichen, aber weit unter dem männlichen Bereich und damit weit unter den Werten, die eine Behandlung mit männlichem Zielbereich erreicht. Werte deutlich über dem weiblichen Bereich sprechen eher für andere Ursachen als für ein PCOS (Teede et al., 2023; Handelsman et al., 2018).
- Folgen: Teede et al. heben metabolische Risikofaktoren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafapnoe, eine hohe psychische Belastung und Risiken in der Schwangerschaft hervor.
PCOS ist ein Syndrom mit mehreren Ursachen und nicht allein durch Testosteron erklärt. Es zeigt, in welche Richtung erhöhte Androgene wirken können, belegt aber nicht, dass eine Testosterontherapie dasselbe auslöst.
Frauen im DDR-Staatsdoping. Franke und Berendonk werteten nach 1990 gesicherte Geheimakten aus.
- Ab 1966 wurden jährlich mehrere tausend Sportlerinnen und Sportler mit Androgenen behandelt, auch Minderjährige beider Geschlechter. Besonderen Wert legte man auf Frauen und Mädchen, weil es bei ihnen besonders wirksam war.
- Dokumentiert wurden schädliche Nebenwirkungen, die teils medizinische oder chirurgische Eingriffe erforderten (Franke & Berendonk, Clinical Chemistry, 1997). Handelsman et al. (2018) zitieren dieselbe Arbeit als Beleg für androgenes Doping im Sport.
- Es handelte sich um androgene Anabolika, oft heimlich und oft bei Minderjährigen.
- Dosierungen und Zusammensetzung sind nicht mit einer heutigen Hormontherapie gleichzusetzen.
- Die Quelle beruht auf Aktenauswertung und nicht auf einer kontrollierten Studie.
- Sie zeigt, dass Androgene bei Mädchen und Frauen wirksam sind und Schäden verursachen können, mehr nicht.
Was unabhängige Evidenzprüfungen sagen
Mehrere unabhängige Übersichten kommen zum gleichen Ergebnis: Der Nutzen ist unsicher, die Langzeitsicherheit ist kaum bekannt und die Studienqualität ist niedrig.
- NICE 2020 (für NHS England, Grundlage des Cass Review): Hormone könnten die Geschlechtsdysphorie kurzfristig lindern, doch die Aussagesicherheit ist sehr gering. Dieser mögliche Nutzen müsse gegen das weitgehend unbekannte Langzeitrisiko abgewogen werden. PDF der Hormon-Übersicht (156 Seiten); die SEGM hat 2021 beide NICE-Übersichten (Blocker und Hormone) eingeordnet.
- Universität York 2024 (Taylor et al., für den Cass Review): 53 Studien, kaum hochwertige Kohorten. Zu Geschlechtsdysphorie, Körperzufriedenheit, psychosozialen und kognitiven Folgen sowie zur Fruchtbarkeit sind keine Schlüsse möglich; bei Wachstum, Knochen und Stoffwechsel bleibt es unsicher.
- Ludvigsson et al. 2023 (Acta Paediatrica): Die Evidenz zur Hormonbehandlung von Kindern mit Geschlechtsdysphorie reicht nicht für eine sichere Nutzen-Schaden-Abwägung.
- Cass Review 2024: schwache Evidenzbasis, hormonelle Behandlungen bei Jugendlichen nur mit strenger Indikation und Datenerfassung. Mehr dazu in unserem Beitrag zum Cass Review.
- Socialstyrelsen 2022 (schwedische Gesundheitsbehörde): Die Evidenz reicht nicht für eine Routinebehandlung. Pubertätsblocker und Kreuzhormone bei Minderjährigen nur in Ausnahmefällen, vorzugsweise im Forschungsrahmen. Englische Zusammenfassung
- COHERE 2020 (finnischer Rat für Gesundheitsleistungen): zuerst psychosoziale Unterstützung; medizinische Massnahmen nur nach zentraler Abklärung an zwei Universitätsspitälern. PDF
Aus diesem Grund haben England, Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark die Abgabe von Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen an Minderjährige stark eingeschränkt.
Was feststeht
- Ein Teil der Wirkungen ist gewollt und bleibend (Stimme sicher, bei Klitoris, Brust und Behaarung uneinheitlich dargestellt).
- Dazu kommen medizinische Risiken (Blut, Gefässe, Fruchtbarkeit, Knochen), die teils belegt und teils kaum erforscht sind.
- Dass die Behandlung die psychische Gesundheit langfristig verbessert, ist durch hochwertige Studien nicht gezeigt.
Wer Testosteron abgesetzt hat, findet Hinweise in unserem Beitrag Testosteron, Blutkreislauf und Knochengesundheit. Weitere Quellen stehen im Ressourcenverzeichnis.
Wie Schweizer Kliniken über diese Risiken aufklären und wo ihre Aufklärungsblätter von den Leitlinien abweichen, lesen Sie in Teil 2.
Quellen
- Hembree, W. C., et al. (2017). Endocrine treatment of gender-dysphoric/gender-incongruent persons: an Endocrine Society clinical practice guideline. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. DOI
- Irwig, M. S. (2017). Testosterone therapy for transgender men. The Lancet Diabetes & Endocrinology. DOI
- Nota, N. M., et al. (2019). Occurrence of acute cardiovascular events in transgender individuals receiving hormone therapy. Circulation. DOI
- Teede, H. J., et al. (2023). Recommendations from the 2023 international evidence-based guideline for the assessment and management of polycystic ovary syndrome. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. DOI
- Handelsman, D. J., Hirschberg, A. L., & Bermon, S. (2018). Circulating testosterone as the hormonal basis of sex differences in athletic performance. Endocrine Reviews. DOI
- Travison, T. G., et al. (2017). Harmonized reference ranges for circulating testosterone levels in men of four cohort studies in the United States and Europe. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. DOI
- Bhasin, S., et al. (2018). Testosterone therapy in men with hypogonadism: an Endocrine Society clinical practice guideline. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. DOI
- Franke, W. W., & Berendonk, B. (1997). Hormonal doping and androgenization of athletes: a secret program of the German Democratic Republic government. Clinical Chemistry. DOI
- MedlinePlus (2025). Testosterone Levels Test. medlineplus.gov
- Madsen, M. C., et al. (2021). Erythrocytosis in a large cohort of trans men using testosterone. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. DOI
- NICE (2020). Evidence review: gender-affirming hormones for children and adolescents with gender dysphoria. PDF
- SEGM (2021). New systematic reviews of puberty blockers and cross-sex hormones published by NICE. segm.org
- Taylor, J., et al. (2024). Masculinising and feminising hormone interventions for adolescents experiencing gender dysphoria or incongruence: a systematic review. Archives of Disease in Childhood. DOI
- Ludvigsson, J. F., et al. (2023). A systematic review of hormone treatment for children with gender dysphoria and recommendations for research. Acta Paediatrica. DOI
- Jensen, R. K., et al. (2019). Effect of concurrent gonadotropin-releasing hormone agonist treatment on dose and side effects of gender-affirming hormone therapy in adolescent transgender patients. Transgender Health. DOI
- Cass, H. (2024). Independent review of gender identity services for children and young people: final report.
- Socialstyrelsen (2022). Care of children and adolescents with gender dysphoria: summary of national guidelines. socialstyrelsen.se
- COHERE Finland (2020). Medical treatment methods for dysphoria associated with variations in gender identity in minors. PDF
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