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Gegengeschlechtliche Hormone: bekannte Wirkungen, Risiken und unsichere Evidenz

· 6 Minuten Lesezeit

In sozialen Netzwerken kursieren Listen mit Nebenwirkungen von Testosteron bei Frauen. Manche Punkte darin sind klinisch bekannt, andere stammen aus Erfahrungsberichten oder aus der Bodybuilding-Literatur. Dieser Beitrag stützt sich stattdessen auf Leitlinien, Kohortenstudien und systematische Übersichten.

Der Text ist keine medizinische Beratung. Über Hormone entscheiden Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit den Betroffenen, nach vollständiger Aufklärung über Nutzen, Schäden und Unsicherheiten.

Mit gegengeschlechtlichen Hormonen sind Testosteron bei Frauen und Östrogen bei Männern gemeint, bei Männern oft zusammen mit einem Androgenblocker. Die Behandlung ist in der Regel auf Dauer angelegt, und ein Teil der körperlichen Veränderungen ist nicht umkehrbar.

Erwartete Wirkungen​

Auch Leitlinien, die hormonelle Behandlungen befürworten, nennen die erwarteten Wirkungen und Risiken, so die Leitlinie der Endocrine Society von 2017 (Hembree et al.). Für Testosteron bei Frauen fasst sie eine klinische Übersicht in The Lancet Diabetes & Endocrinology zusammen (Irwig, 2017).

Testosteron bei Frauen (häufig, teils bleibend):

  • Vertiefung der Stimme (in der Regel bleibend)
  • Klitorisvergrösserung (in der Regel bleibend)
  • vermehrte Gesichts- und Körperbehaarung
  • männliches Haarausfallmuster
  • Ausbleiben der Menstruation
  • Zunahme der Muskelmasse, Abnahme des Körperfetts
  • Akne und fettigere Haut
  • erhöhte Libido
  • Scheidentrockenheit / Atrophie der Vaginalschleimhaut
  • Anstieg von Hämoglobin und Hämatokrit (dickeres Blut)

Östrogen bei Männern (häufig, teils bleibend):

  • Brustwachstum (in der Regel bleibend)
  • Abnahme von Muskelmasse, Zunahme von Körperfett
  • kleinere Hoden, weniger Spermien, oft Unfruchtbarkeit
  • nachlassende Libido und Erektionen
  • weichere Haut

Ob und wie stark diese Effekte eintreten, hängt von Dosis, Dauer, Alter und Ausgangspubertät ab.

Untersuchte Risiken​

Blut und Gefässe. Testosteron steigert die Bildung roter Blutkörperchen. In einer grossen Amsterdamer Nachbeobachtung trat eine Erythrozytose unter Testosteron häufig auf (Madsen et al., Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 2021). Eine niederländische Kohorte in Circulation fand unter Östrogen mehr venöse Thrombosen und ischämische Schlaganfälle als in den Vergleichsgruppen, unter Testosteron mehr Herzinfarkte als bei Referenzfrauen (Nota et al., 2019).

Stoffwechsel. Mehrere Studien berichten unter Testosteron von einem sinkenden HDL-Cholesterin. Die Daten zu Blutdruck, Gewicht und Insulinresistenz sind uneinheitlich. Die Übersicht der Universität York für den Cass Review zog dazu bei Jugendlichen keine belastbaren Schlüsse (Taylor et al., 2024).

Fruchtbarkeit. Das Ausbleiben der Menstruation unter Testosteron und die verminderte Spermienbildung unter Östrogen sind zu erwarten. Ob und wann die Fruchtbarkeit nach dem Absetzen zurückkehrt, ist kaum untersucht. Taylor et al. fanden keine Studie zur Fruchtbarkeit von Frauen, die als Jugendliche Testosteron erhielten. Nach früher Pubertätsblockade kann zudem die Reifung der Keimzellen ausbleiben.

Knochen. Pubertätsblocker bremsen den Knochenaufbau. Ob spätere gegengeschlechtliche Hormone das vollständig ausgleichen, ist unsicher, und Langzeitdaten zu Knochenbrüchen fehlen weitgehend.

Psychische Gesundheit. Angst- und Depressionswerte können sich kurzfristig bessern. Taylor et al. sehen dafür Evidenz mittlerer Qualität, die Studien sind aber meist Vorher-Nachher-Vergleiche ohne geeignete Kontrollgruppe. Zu Suizidalität, psychosozialer Entwicklung und kognitiver Reifung in der Adoleszenz lässt sich nichts Verlässliches sagen.

Unter Testosteron werden auch Stimmungsveränderungen als häufige Nebenwirkung genannt (Jensen et al., 2019, ausgewertet bei Taylor et al.). Das ist nicht dasselbe wie Manie oder Psychose. Schwere psychiatrische Reaktionen (Hypomanie, Manie, selten Psychose) sind in der Literatur zu anabolen Steroiden in weit überphysiologischen Dosen beschrieben. Die Endocrine Society warnt vor anhaltend überhöhten Testosteronspiegeln, führt Manie oder Psychose aber nicht als typische Folge der Behandlung im männlichen Referenzbereich. Für Demenz als Folge dieser Hormone finden sich in den genannten Quellen keine Belege.

Was unabhängige Evidenzprüfungen sagen​

Mehrere unabhängige Übersichten kommen zum gleichen Ergebnis: Der Nutzen ist unsicher, die Langzeitsicherheit ist kaum bekannt und die Studienqualität ist niedrig.

  • NICE 2020 (für NHS England, Grundlage des Cass Review): Hormone könnten die Geschlechtsdysphorie kurzfristig lindern, doch die Aussagesicherheit ist sehr gering. Dieser mögliche Nutzen müsse gegen das weitgehend unbekannte Langzeitrisiko abgewogen werden. PDF der Hormon-Übersicht (156 Seiten); die SEGM hat 2021 beide NICE-Übersichten (Blocker und Hormone) eingeordnet.
  • Universität York 2024 (Taylor et al., für den Cass Review): 53 Studien, kaum hochwertige Kohorten. Zu Geschlechtsdysphorie, Körperzufriedenheit, psychosozialen und kognitiven Folgen sowie zur Fruchtbarkeit sind keine Schlüsse möglich; bei Wachstum, Knochen und Stoffwechsel bleibt es unsicher.
  • Ludvigsson et al. 2023 (Acta Paediatrica): Die Evidenz zur Hormonbehandlung von Kindern mit Geschlechtsdysphorie reicht nicht für eine sichere Nutzen-Schaden-Abwägung.
  • Cass Review 2024: schwache Evidenzbasis, hormonelle Behandlungen bei Jugendlichen nur mit strenger Indikation und Datenerfassung. Mehr dazu in unserem Beitrag zum Cass Review.

Aus diesem Grund haben England, Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark die Abgabe von Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen an Minderjährige stark eingeschränkt.

Was feststeht​

Für Eltern und Betroffene lässt sich Folgendes festhalten:

  1. Ein Teil der Wirkungen ist gewollt und bleibend (Stimme, Behaarung, Klitoris, Brust).
  2. Dazu kommen medizinische Risiken (Blut, Gefässe, Fruchtbarkeit, Knochen), die teils belegt und teils kaum erforscht sind.
  3. Dass die Behandlung die psychische Gesundheit langfristig verbessert, ist durch hochwertige Studien nicht gezeigt.

Wer Testosteron abgesetzt hat, findet Hinweise in unserem Beitrag Testosteron, Blutkreislauf und Knochengesundheit. Weitere Quellen stehen im Ressourcenverzeichnis.

Quellen​

  • Hembree, W. C., et al. (2017). Endocrine treatment of gender-dysphoric/gender-incongruent persons: an Endocrine Society clinical practice guideline. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. DOI
  • Irwig, M. S. (2017). Testosterone therapy for transgender men. The Lancet Diabetes & Endocrinology. DOI
  • Nota, N. M., et al. (2019). Occurrence of acute cardiovascular events in transgender individuals receiving hormone therapy. Circulation. DOI
  • Madsen, M. C., et al. (2021). Erythrocytosis in a large cohort of trans men using testosterone. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. DOI
  • NICE (2020). Evidence review: gender-affirming hormones for children and adolescents with gender dysphoria. PDF
  • SEGM (2021). New systematic reviews of puberty blockers and cross-sex hormones published by NICE. segm.org
  • Taylor, J., et al. (2024). Masculinising and feminising hormone interventions for adolescents experiencing gender dysphoria or incongruence: a systematic review. Archives of Disease in Childhood. DOI
  • Ludvigsson, J. F., et al. (2023). A systematic review of hormone treatment for children with gender dysphoria and recommendations for research. Acta Paediatrica. DOI
  • Cass, H. (2024). Independent review of gender identity services for children and young people: final report.

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